Christine Wittrock Saubere Geschäfte, weiße Westen und Persilscheine.Die Geschichte der Seifenfabriken in Schlüchtern und Steinau seit 1825 ISBN 3-928100-90-4, 176 Seiten, 14,80 Euro
Über die Autorin: Christine Wittrock, Jahrgang 1948, Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main, 1982 Promotion, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität, lebt als freie Autorin im Main-Kinzig-Kreis und in Spanien. Buchveröffentlichungen zur Geschichte sozialer Bewegungen, Frauenbewegung und Faschismusgeschichte.
Vorwort Die Geschichte der Seifenfabriken in Schlüchtern und Steinau ist ein Stück Regionalgeschichte, in der sich zugleich deutsche Geschichte widerspiegelt: Die jüdischen Eigentümer seit Generationen im Bergwinkelland ansässig werden im Faschismus ihrer Fabriken und ihrer Heimat beraubt, von Staats wegen. Dies ist kein besonderer Vorgang. Es geschah im Deutschen Reich der dreißiger Jahre flächendeckend. Der Raubzug gegen die jüdische Bevölkerung vollzog sich in geordneten Bahnen und vor aller Augen. Wer sehen wollte, sah. Beispielhaft zeigen sich in unserer Region zwei unterschiedliche Arten der "Arisierung" genannten Politik: Die Firma Dreiturm wird 1934 entschädigungslos enteignet wegen sozialistischer, staatsfeindlicher Bestrebungen; die Schlüchterner Seifenfabrik Meier Wolf wird 1938 gezwungenermaßen unter Preis verkauft, weil der Terror gegen die jüdische Bevölkerung inzwischen unerträglich geworden ist. Beide Eigentümer erhielten nach 1945 ihr Vermögen zurück, jedoch erst nach jahrelangen vehementen juristischen Auseinandersetzungen. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind bewu sst in diese Arbeit einbezogen worden; sie können deutlich machen, warum nach dem Desaster der Entnazifizierung ein großes Schweigen einsetzte.In den von Generation zu Generation weitergegebenen Familiengeschichten ist selbstverständlich die braune Vergangenheit ihrer Mitglieder negiert oder geschönt. Ich gerate immer wieder ins Staunen, wenn GesprächspartnerInnen so gar nichts von der Teilhabe ihrer Eltern und Großeltern wissen und deren Lebenslüge ohne Arg teilen. Phantasievolle Gebilde von resistenter Gesinnung und widerständigem Verhalten geistern da durch die Erinnerung. Und in vielen Orten findet sich die immer gleiche Mär, daß die Synagoge stets von Leuten aus der Nachbarstadt angezündet wurde. Der Mythologie ist damit Tor und Tür geöffnet. Ideologiekritische Geschichtswissenschaft aber sollte dieser Mythenbildung etwas entgegenzusetzen haben: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Darum werden in diesem Buch wie auch schon in meinen letzten beiden Büchern über regionalen Faschismus nicht nur Opfer-, sondern auch Täternamen genannt. Diese Handhabung der Dinge kann einem Autor, einer Autorin Ungemach bereiten; sie ist jedoch unverzichtbar. Sehe ich mir die Zensurmaßnahmen gegen mein letztes Buch auf der Folie vergangener Jahrhunderte an, so befinde ich mich in ausgezeichneter Gesellschaft. Stets war es so, da ss HistorikerInnen erst dann Begebenheiten ungestört erkunden konnten, wenn die Herrschenden kein Interesse mehr an ihnen hatten und die Erforschung der Tatbestände niemandem mehr gefährlich werden konnte.Geschichtsforschung will sie nicht zur Legitimationswissenschaft verkommen hat nicht staatstragend zu sein. Das gebietet der politische Anstand. AutorInnen sollten sich daher nicht einbinden lassen in die Funktionen der Macht, sondern ihre Unabhängigkeit zu bewahren suchen. Schließlich sollte bei Rückschau auf das eigene Leben die Anzahl der Sünden, derer man sich zu schämen hätte, nicht allzu groß sein. Das allein scheint mir wichtig, da ss über einen einst nicht das Brechtsche Verdikt verhängt werde: Was an dir Berg war haben sie geschleift und dein Tal schüttete man zu. Über dich führt ein bequemer Weg.Dennoch und das betrifft Täter, Opfer und Forschende gleichermaßen sollte vom Menschen als einem zerbrechlichen, irrenden und für Versuchungen anfälligen Wesen ausgegangen werden einem Angstwesen, das sich schwer tut mit den Anstrengungen des aufrechten Gangs. Eine nüchterne Analyse vergangener und gegenwärtiger politischer Strukturen und Handlungsspielräume scheint deshalb notwendig.Wenn dieser Bericht über das Vergangene dazu ermutigt, nicht allen Unsinn der eigenen Epoche umstandslos zu teilen, sondern einen Blick für die Schrecken der jeweiligen Normalität zu entwickeln, so hat sich meine Arbeit gelohnt. Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die beim Zustandekommen des Forschungsprojekts über die Geschichte der Seifenfabriken mitgewirkt haben, in erster Linie der Stadt Schlüchtern und ihrer Kulturbeauftragten Heidrun Kruse-Krebs. Zu besonderem Dank bin ich auch Herrn Gerhard Wolf aus England verpflichtet, der an meiner Arbeit mit großem Interesse teilnahm, und stets ein offenes Ohr für meine Anliegen und Fragen hatte. Er sowie Herr Ernest Wolf in den USA gewährten mir großzügig Einblick in den Nachla ss ihrer Familien, schrieben viele Briefe und stellten zahlreiche Fotos zur Verfügung.Danken möchten ich auch den vielen Schlüchterner und Steinauer Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die oft in langen Gesprächen ihre Erlebnisse schilderten und Dokumente wie Fotos beisteuerten. Besonders zu danken habe ich Juan, der mir bei meiner Arbeit mit Rat und Tat zur Seite stand, mit Besonnenheit und Nachsicht mich begleitete und über Jahre mein wichtigster Diskussionspartner war.
Saubere Geschäfte, weiße Westen und Persilscheine Vielleicht erinnern Sie sich noch an mein 1999 herausgegebenes Buch "Das Unrecht geht einher mit sicherem Schritt. Notizen über den Nationalsozialismus in Langenselbold und Schlüchtern" und die damit einhergehenden Querelen um die Veröffentlichung. Der Main-Kinzig-Kreis als Auftraggeber meiner damaligen Studie wollte die Arbeit nicht veröffentlichen, nachdem der Sohn eines Wehrwirtschaftsführers mit Prozessen drohte. Er wollte auf diese Weise verhindern, dass über seinen Vater berichtet wird. Landrat Eyerkaufer knickte damals ein und ich veröffentlichte das Buch schließlich selbst. Es gab ein paar Prozesse und ein paar Schwärzungen. Ein Jahr später wies das Oberlandesgericht die letzte Klage der Gegenseite ab. Damit war für mich die Sache zu einem guten Ende gebracht. Der Konflikt hatte sich außerordentlich günstig auf den Verkauf des Buches ausgewirkt, so dass ich meinen Gegnern in gewisser Weise dankbar sein konnte.Nun möchte ich der Öffentlichkeit mein neues Buch vorstellen. Es erschien zum 8. November 2002 im CoCon-Verlag Hanau unter dem Titel: Saubere Geschäfte, weiße Westen und Persilscheine. Die Geschichte der Seifenfabriken in Schlüchtern und Steinau seit 1825 Auch hier geht es wiederum um die Geschichte des regionalen Nationalsozialismus, im besonderen um die "Arisierung" der Seifenfabrik Dreiturm in Steinau und der Seifenfabrik Meier Wolf in Schlüchtern. Beide Firmen gehörten jüdischen Eigentümern aus der Familie Wolf, die seit Generationen in der Region ansässig war. Die Firma Dreiturm wurde 1934 entschädigungslos enteignet wegen angeblicher sozialistischer, staatsfeindlicher Bestrebungen. Drahtzieher der Enteignung waren in erster Linie lokale Institutionen und örtliche Nazis. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß sich hier in der Region Schlüchtern/Steinau ein Wirtschaftskrimi allererster Güte abspielte. Die Schlüchterner Seifenfabrik Meier Wolf wurde 1938 gezwungenermaßen unter Preis verkauft, weil der Terror gegen die jüdische Bevölkerung inzwischen unerträglich geworden war. Beide Eigentümer erhielten nach 1945 ihr Vermögen zurück, jedoch erst nach jahrelangen vehementen juristischen Auseinandersetzungen. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind bewu sst in diese Arbeit einbezogen worden; sie können deutlich machen, warum die Entnazifizierung wirkungslos blieb und die beteiligten Täter glimpflich davonkamen.Auch in diesem Buch werden nicht nur Opfer-, sondern auch Täternamen genannt. Nationalsozialistische Täter rekrutierten sich nämlich keinesfalls aus Unbekannten oder Fremden: Es waren häufig die bekannten Akteure des Ortes. |
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