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Hexenwahn und Teufelswerk. Eine Region im Blickfeld Herausgeber: Archiv Frauenleben im Main-Kinzig-Kreis, Barbarossastraße 16-18, 63571 Gelnhausen Redaktion: Rotraud Schäfer, Ute Vetter, Ilse Werder ISBN 978-3-928100-97-7
Die Wunden des Feldzuges gegen die Frauen sind noch nicht verheilt. Wir legen noch einmal den Finger auf diese Wunden, weil wir den hunderttausend Gequälten und Ermordeten noch etwas schuldig sind. Die Erkenntnis, dass vor einigen hundert Jahren auch in unserem nächsten Umfeld entsetzliches Unrecht geschehen ist, kann und soll uns zwar zu vielfachem Gedenken veranlassen, aber vor allem zu der Frage, ob solches Unrecht im 21. Jahrhundert überwunden ist. Wir wissen: Die Denkweise, die zur Abstempelung von Sündenböcken und Kreuzzügen gegen sie führt, ist so aktuell wie damals. Die Auseinandersetzung mit diesem Phänomen hat Frauen aus dem Main-Kinzig-Kreis veranlasst, sich mit Fakten, Hintergründen, historischen und aktuellen Bezügen zu befassen, die dieser Haltung zugrunde liegen. Das "Archiv Frauenleben" in Gelnhausen, ein Regionalarchiv für Frauengeschichte, hat über einige Jahre jede nur greifbare Information gesammelt, die die Ereignisse in der Region zwischen Frankfurt und Fulda erhellen und vermitteln kann. Sechs Autorinnen versuchen mit diesem Buch ohne Anspruch auf Vollständigkeit und aus jeweils individueller Sicht an Hand von Fakten einen Blick auf die Ereignisse in einem überschaubaren Gebiet zu werfen, das eigentlich nicht zu den spektakulären Gegenden gehört, in denen die Hexenprozesse tatsächlich apokalyptische Formen angenommen haben. Wie auf diesem verhältnismäßig kleinen Raum zwischen Spessart und Wetterau, Frankfurt und Fulda im Umkreis von gerade einmal 100 Kilometern trotzdem gewütet wurde, soll erstmals in einer knappen Zusammenfassung dargestellt werden. Wir möchten die Ereignisse im allernächsten Umfeld von Main und Kinzig, Nidda und Fulda im wörtlichen Sinne den Lesern nahe bringen, auch, um manche Entwicklungen und Ereignisse, die bis heute wirksam sind, verständlicher zu machen. Die neuerdings wieder propagierte Einteilung der Welt in Gut und Böse, die wieder zunehmende Ausgrenzung von Ausländern, Andersgläubigen, "Ungläubigen", die in den USA aktuell gewordene Diskussion über Wiedereinführung der Folter (die in manchen Ländern bis heute nicht abgeschafft wurde), die Dämonisierung des Fremden, Unbekannten, die Instrumentalisierung von Religion für politische und ökonomische Zwecke, Terror, Zerstörung, Tod für Tausende "zur Ehre Gottes", die Verteufelung ganzer Nationen als "Schurkenstaaten" werfen die Frage auf, ob nicht die Welt in den letzten 400 Jahren vor allem technische und wissenschaftliche, zu einem viel zu kleinen Anteil aber moralische, kulturelle und soziale Fortentwicklungen vollzogen hat. Wir fragen: Unterscheiden wir uns von den Denkweisen des Mittelalters und der frühen Neuzeit vielleicht nur graduell? Was heute noch alles im Namen Gottes, Jehovas und Allahs geschehen kann, mutet mitunter eher obszön denn religiös an. Demütigung, Fanatismus, Irrationalität, Aberglauben und Vernichtungswille gegenüber Anderen haben wie damals in vielen Teilen der Welt Einfluss. Der Gott, der solchermaßen gegen seine Geschöpfe wütet, kann kein Gott sein. Dieses Gottesbild ist bestenfalls ein Spiegel des eigenen, archaischen Weltbildes. Die sogenannte zivilisierte Welt brüstet sich mit ihrer Tugend, schafft gleichzeitig immer neue Feindbilder und will der ganzen Welt ihren Willen und ihre Lebensform aufzwingen. Nachdem man den Sozialismus für besiegt hält, soll jetzt der Islamismus oder was man dafür hält zerstört werden. Und da wird auch mit Atombomben gedroht, dem grauenvollsten Massenvernichtungsmittel, welches Menschen je ausgedacht und angewendet haben. Auf der anderen Seite glauben fanatisierte Gläubige, sich mit dem Töten von Angehörigen anderer Religionen das Paradies sichern zu können. Hier trifft sich die Perversion des Denkens mit der vor 400 Jahren. Heutige Generationen haben wenig Grund, über die Henker und die Initiatoren der Hexenprozesse den Kopf zu schütteln. Im 20. Jahrhundert wurden in zwei Weltkriegen, auf ungezählten Nebenschauplätzen und in schrecklichen Pogromen Hunderte Millionen Menschen vernichtet. Ist die Menschheit wirklich ohne Gedächtnis? Wie damals werden starke ökonomische Interessen gleichgesetzt mit Gottes Wille, mit scheinbar edlen Motiven. Ein wesentlicher Unterschied besteht allerdings: Viel mehr Menschen als seinerzeit haben oder hätten die Chance, ihre Mitverantwortung für das, was geschieht, wahrzunehmen. Wir sind es den Frauen und Männern aus unseren Dörfern und Städten, die einst auf grauenvolle Weise gemartert und ermordet wurden, schuldig, dass wir ihrer nicht nur gedenken und Zorn und Empörung über das Geschehene artikulieren. Wir müssen auch "höllisch" aufpassen, die Strukturen und ihre aktuelle Wirksamkeit zu erkennen, die zur Vernichtung von anders denkenden, anders lebenden Menschen führen. Die im Mittelalter mit Unterstützung der Kirche zur Hochblüte geführte Missachtung von Frauen, die bis heute in Form unverminderter Gewalt gegen sie geblieben ist, stellt nur ein Merkmal dieser Strukturen dar. Die Frauen von einst, als Hexen verurteilt, waren alle unschuldig. Sie waren schutzlos, nackt, verzweifelt. Alle Haare am Körper wurden abgesengt, könnte sich doch darunter ein Teufelsmal verbergen. Lange, offene Haare galten als gefährliches Zeichen von Ungezähmtheit und Kraft, die es zu vernichten galt. Mit ihnen sollten auch die vermuteten magischen Kräfte der Frauen vernichtet werden. Die Natur-, Sexual- und Körperfeindlichkeit der damals übermächtigen Kirche führte zu Angst, Aggression und Überforderung gerade ihrer Amtsträger und einer allgemeinen Entfremdung des Patriarchats in Kirche und Welt von der Natur. Die Naturwissenschaft hat inzwischen einen entscheidenden Beitrag zur Entdämonisierung dieser Natur geleistet. Die Angst vor ihren unbekannten Kräften, denen gerade die Frauen so nahe waren, muss nicht mehr zu gewaltsamer Vernichtung führen. Wir fragen deshalb: Werden Menschen dereinst fähig sein, Gewalt als Mittel der Konflikt- und der Angstlösung zu ächten, vielleicht im Laufe der nächsten Jahrhunderte gar völlig zu überwinden? Werden intelligente statt brachialer Lösungen und die prinzipielle Anerkennung anderer Lebensformen, anderer Religionen, anderer Interessen dazu beitragen können? Wird irgendwann auch die Ausbeutung von Menschen durch Menschen geächtet? Werden Menschen fähig sein, ihre eigene Verantwortung für die Zustände auf dieser Welt zu erkennen, statt sie fernen Göttern zuzuschieben und fatalistisch hinzunehmen, was geschieht? Die Ressourcen der Erde reichen aus, um alle Menschen zu ernähren, allen ein ordentliches Dach über dem Kopf, allen Menschen Arbeit zu bieten, allen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Die ungeheuren Kräfte und Mittel, die weltweit für Zerstörung und Tod aufgewendet werden, ließen sich für eine solche Aufgabe positiv statt destruktiv nutzen. Nach der letzten Hexenverbrennung am 21. Februar 1749 auf der Feste Marienburg bei Würzburg sind gegen große Widerstände viele zivilisatorische Fortschritte erkämpft worden. Aber eine Kultur des menschlichen Zusammenlebens ist nur in bescheidenen Ansätzen erreicht. Indem wir auf verwandte Denkstrukturen von damals und heute verweisen und auf noch immer lebendigen Aberglauben bei uns und in anderen Teilen der Welt, glauben wir dem Andenken der ermordeten "Hexen" in unserer Region am besten gerecht zu werden. Unsere Absicht ist, mit der Darstellung von Beispielen aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft einen Abschnitt der eigenen Vergangenheit in Erinnerung zu rufen und damit konsequentes Nachdenken zu befördern. Während einige wenige Forscher wie etwa Dr. Walter Nies und Ludwig Klassert in langer, mühseliger Arbeit wichtige Teilbereiche dieser dunklen Zeit aufgedeckt haben, sind an vielen Orten nur einzelne Ereignisse dokumentiert. Viele Unterlagen, Akten und Belege sind vernichtet worden oder verloren gegangen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit haben wir versucht, eine erste Übersicht zu schaffen und damit die Voraussetzung für eigene Nachdenklichkeit und entsprechende Schlussfolgerungen. |
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